Kapellenverein Ensmannsreut e.V.

Restaurierung der Marienkapelle

Objekt: Flurkapelle (Marienkapelle)
Auftraggeber: Kapellenverein Ensmannsreut e.V.
Behörden: Bayer. Landesamt für Denkmalpflege, München, Landratsamt Freyung-Grafenau, Direktion f. ländl. Entwicklung / Flurbereinigung.
Restaurierung: Bernhard Kellhammer, freiberufl. Restaurator, Lidwina Kellhammer, Restauratorin,Kellberg.
Zeitraum: Mai 1997 bis Nov./Dez. 1997
Abnahme: 11.10.1997 bzw. bei Rückgabe d. Ausstattungsstücke
Handwerkl. Arbeiten: Kapellenverein, Dorfgemeinschaft, Zimmerermeister Parockinger sen., Maurermeister Stockinger jun., Bildschnitzer Gutsmiedl, Kunstschmied Nigl. Ab Juli 1997 bis Herbst 1997 bzw. später.
Betreuung u. fachl. Beratung: Konservator B. Herrmann, BLfD, Restauratoren Kellhammer, Keim-Farben (Rothenaicher)
Einweihung: Am 03.05.1998 (voraussichtlich).
Hinweise: Befundbericht v. 31.10.96, Schreiben BLfD v. 4.4.97, Zwischenbericht v. 10.7.97, Photodokumentation, Pressemitteilungen v. 21.8.97, 29.11.97 u. 14.12.97.

1. Vorbemerkung:

Grundlage der Restaurierungsmaßnahmen bildeten die Erkenntnisse aus unserer vorangegangenen Befunduntersuchung, sowie die mündl. und schriftl. Kontaktnahmen mit Konservator Bernhard Herrmann, BLfD. Als Zielsetzung war vereinbart worden: die Sanierung und weitgehende Wiederherstellung der Kapelle als Andachtsstätte in der Flur.

2. Restaurierung der Raumschals

Noch vor Inangriffnahme der handwerklichen Fremdarbeiten wurden von uns die Sicherungsarbeiten durchgeführt. Alle erstrangig gefährdeten Putzabschnitte mit Malerei wurden mit strukturiertem Japanfasermaterial prophylaktisch abgedeckt. Es folgte das Anbohren und Verschrauben der losen Putzteile im Plavond an die originale Deckenverbretterung, wobei eine nichtstarre Verfestigung erreicht wird (Abschwingungsmöglichkeit). Parallel und gleichzeitig wurden die größeren und mittleren Schadensrisse und Bohrlöcher mit konventionellem, mineralischem Mörtel niveaugleich ausgekittet.

Einige abgelöste, nur fassungsneutrale Teile der Deckenvoute mussten aus Sicherheitsgründen gänzlich entfernt werden. Hier wurden die Korrekturen 3-lagig aufmodelliert und oberflächend der Struktur des Altputzes angeglichen. Zwischendurch wurden partiell, je nach Abwarten der Sinterung,, gefährdetere Stellen mit mineralischen Festigungsmaterialien mittels Injektionen hinterspritzt.

Nach Durchtrocknen und Austrocknung der Kittungen mssten die Verklebungen wieder entfernt und die Malereiflächen vorsichtig, trocken gereinigt werden; bei gleichzeitigem Entfernen einiger Übermalungen mit dem Skalpell.

Ebenfalls trocken, manuell wurde die Freilegung und Reinigung der Wände und der Heiligendarstellung vorgenommen. Hier bestätigte sich die Befunduntersuchung,, daß an der rechten In­nenwand keine dritte, a-fresco gemalte Figur vorhanden ist.

Dagegen zeigten sich bei Abschluß der Freileungsarbeiten Zunehmend extrem große, weitklaffende Setzrisse mit herausbrechenden Auffüllungen, sowie neuere Putzausbesserungen. Sämtliche Risse wurden abgesaugt, ausgeblasen und gesäubert und anschließend schichtenweiße konventionell verfugt; jeweils randbündig.

Durch aufsteigende Grundfeuchtigkeit in der unteren Hälfte der Gebäudemauern wer der originale Putz korrodiert und zermürbt. Hier wurde mehrlagig bis zur Untergrenze der Malerei neu verputzt; in der unteren Lage mit speziellem Sanierputz.

Mittig, rechterseits dar Alternische ist die gesamte Mauer nach außen konvex abgesackt. Die dadurch entstandene Mulde war mit Ziegelmaterial aus neuerer Zeit aufgefüllt und wurde bei den jetzigen Korrekturarbeiten wieder aberflächenausgleichend geschlossen.

Der Fußboden, zuletzt gestampfter Lehmboden mit Industrieplatten, wurde jetzt mit historischen Solnhofener Platten auf Estrich diagonal verlegt.

Neu angefertigt und eingeputzt wurden noch während der laufenden Restaurierungsarbeiten die fichtene Sockelabdeckung und das Zwischenbrett der Altarnische.

Der vorher schlecht integrierte Betonsockel des alten Opferstockes wurde während obiger Arbeiten entfernt. An dieser Stelle waren minimale Farbreste des Sockelpaneels vorhanden, sowie die Abmessungen einer Quaderung erkennbar.

Erst nach Unterbrechung durch die bauhandwerklichen Arbeiten wurden auch die restauratorischen Retuschier- u. Einstimmarbeiten weitergeführt: alle größeren Binnenschäden, mechanischen Blassuren und die Kittungen in den Fresken wurden sukzessive, farbig beruhigend geschlossen. Das erfolgte mittels Tratteggio-Methode und Lasurtechnik. Jeweils im Kolorit der originalen Umgebung und stets auf reversibler Basis. Grad und Dichtigkeit der Einstimmungen erfolgte auf Normaldistanz. Unter Wahrung der historischen Substanz wurden keine direkten Ergänzungen vorgenommen. Eine Ausnahme bildete die Wiederherstellung des marmorierten Sockelpaneels (nach vorhandenen formalen und farbigen Resten einiger Altputzstellen).

Die neutralen Wand- und Deckenflächen erhielten eine hellockrige Einfärbelung, granierend in Kalklasuren aufgetragen. Auf Wunsch des Kapellenvereins und in Absprache mit Herrn Konservator Herrmann wurde der Farbton um 2 Abstufungen heller als das Original gehalten.

Befundgetreu wurden beide Teile der Altarnische eingestimmt: granierend ultramerinfarben oben, die Quaderimitationen retuschierend unten.

3. Restaurierung der Ausstattung:

Die Alternische wird von einem hölzernen Zierrahmen mit Schnitzornamenten gefasst und vergoldet (aus der 2. Bauperiode) verschlossen.

Wir haben während der obigen Restaurierungsarbeiten festgestellt, dass größere Teile bereits angefault und schadhaft waren. Ferner konnten wir unter mehreren dunkelbraunen, erharzten Einfachanstrichen noch Reste einer originalen Fassung eruieren: eine sehr bewegte, altrosa bis bläuliche Marmorierung und grünlich-graue Zwickelfelder. Die meist losen, teilweise schon fehlenden Schnitzereien waren echtpoliervergoldet; das Gold schmutzverhärtet und abblätternd. Einige abgerissene Metallteile deuteten darauf hin, dass der Zierrahmen ursprünglich 2 Glastüren hatte, in Verbindung mit der Mauernische eine Vitrine bildend.

Erforderlich wer die rückseitige Stabilisierung des ganzen Zierrahmens durch „Aufdoppeln“ einer Hilfsrahmung und hernach ein Neuanfertigen der 2 profilierten Falztüren. Ferner waren einige bildhauerische, Teilergänzungen notwendig.

Der reparierte Rahmen wurde partiell mit Leinengewebe kaschiert, mehrmals kreidegrundiert und poliment­echtvergoldet; sowie die Marmorierung nach den Fassungsresten erneuert.

Holzskulptur Christus im Kerker an der Geißelsäule: Die Figur wies nach Abnahme der neuzeitlichen Übermalungen weit mehr mechanische Beschädigungen, sogar Verluststellen auf. Erneuert werden mussten die (nicht historische) Sockelplatte, mehrere Glieder der Kette und die zerrissene Dornenkrone. Nach der stufenweisen Freilegung wurde die Fassung retuschiert und größere Fehlstellen und alle Neuteile fassungsidentisch, reversibel einlasiert.

Bei den Rähmchen von 12 Kreuzstationen (die letzte Station fehlt) sind die per Befund nachgewiesenen Kreuze neu angefertigt und konventionell poliment-echtvergoldet worden. Ebenso erneuert wurden die Passepartoutkartons und die Fassung der Bilderrahmen nach einer reinigenden Konservierung und Stabi­lisierung der Stahlstiche. Alle Kreuzwegstationen erhielten einen Schutzanstrich gegen. Feuchtigkeit.

Die Votivtafel wurde, ebenso wie alle Holzobjekte der Kapelle prophylaktisch gegen Holzwurmbefall behandelt, gereinigt, stabilisiert, gekittet und reversibel eingestimmt.

4. Restaurierung außen:

Anfang bzw. Mitte Mai 1997 (noch den restauratorischen Vorarbeiten im Inneren und deren Weiterführung) wurden vom Kapellenverein auf allen Seiten der Kapelle abschnittsweise Unterfangungsarbeiten durchgeführt: Fundamentsicherungen des Drainage-Grabens, sowie das Abgraben des Lehmbodens im Innenraum. Gleichzeitig erfolgte teilweiser Mauerwerksaustausch, ebenfalls das Verfugen der großen Setzrisse und die Entfernung/Denaturalisieren des durchgewachsenen Wurzelwerkes. Ebenso wurden die schlachten Putzpartien entfernt, unter Belassung integrierbarer Teile vorwiegend bei den Verkröpfungen der Lisenen.

Der alte Dachstuhl wurde insgesamt abgetragen (lt. Zimmerermeister Parockinger sen. nicht mehr haltbar) und durch eine bereits fertiggestellte, neue Dachkonstruktion ausgewechselt. Die Belüftung des Dachraumes durch Basisschlitze zwischen den Sparren sind lt. obiger Angabe ausreichend. Die durch diese Maßnahme notwendig gewordenen, perforierten Aluminiumbleche wurden nachträglich durch einen schattenbraunen Anstrich unsichtbar gemacht.

Anlässlich der Erneuerung der Dachkonstruktion wurden die beiden Giebelmauern mit dem angefrosteten Ziegelwerk abgetragen und neu aufgemauert.

Es folgte die schrittweise (Trocknungszeiten) Erneuerung des Rieselputzes und der geglätteten Lisenenbänder in Anlehnung an die Oberflächenstruktur der vorher ausgesparten, originalen Putzpartien.

Am ursprünglich in der Erbauungszeit steinsichtigen Türgewände aus Granit wurde die zuletzt nur in wenigen Stücken vorhandene Randfase mit zementhaltigem Material neu aufgeputzt und mit Silikatlasuren granitfarben eingestimmt. Die Jahreszahl „1749“ im Türsturz wurde nach Reinigung des Gewändes ölechtvergoldet.

Wir haben zwischenzeitlich in Absprache mit dem Kapellenverein die Firma KEIM-Farben vermittelt, dessen Vertreter, Herr Rothenaicher sich vor Ort wegen Putz- u. Anstrichsmaterialien an den Beratungen beteiligte.

Die zuletzt noch sichtbaren, neuen Betonunterfangungen und Drainageaufschüttungen wurden mit flachen Bruchsteinen auf Splitt abgedeckt und der Vorplatz nivellierend mit alten, granitenen „Gredplatten“ verlegt.

Noch gerade vor Einbruch der Kälteperiode konnten die Anstriche mit Silikatfarben, KEIM-Purkristalat 3-malig, fertiggestellt werden:

- Rieselputz Altweiß Nr. 9157

- Lisenen Hellocker Nr. 9051 + Nr. 9053 (Mischungsverhältnis 1: 1)

Eine feuchtigkeitsdämmende Hydrophobierung konnte wegen bereits beginnender Kälte nicht mehr vorgenommen werden. Das satte Einlassen der Mauerflächen (Fluten) erfolgt später in der trockenen Zeit.

Das verbretterte, mit Teerpappe belegte Dach der Kapelle wurde mit handgespaltenen Lärchenschindel eingedeckt. (aus dem alpinen Raum). Auf Wunsch des Kapellenvereins wird beizeiten an den Längsseiten je eine handgebeilte Holzdachrinne angebracht; vor allem zum Schutz der „ausgestellten" Kapellenmauern im unteren Bereich.

Abschließend der Arbeiten am Schindeldach wurde ein handgeschmiedetes, echtvergoldetes Firstkreuz gesetzt, nach Entwurf der Restauratoren, sowie nach unserer Empfehlung ein Insektenschutznetz an der Türe angebracht.

Zuletzt konnte der historische, schmiedeeiserne Opferstock nach Reinigung und Schutzüberzug in der Kapelle wieder aufgestellt werden (auf altem, behauenen Granitsturz).

5. Materialien:

Sanierputzmaterialien von KEIM, konventionelle Kalk- und Zementputze, holzgebrannter Sumpfkalk, mineralische Füllstoffe, Naturgewebe, Ätzbaryt, Paraloid 8 72, Leden TB1, Primal AC33, Polyvinylalkohol, Purkristalatfarben, reine Erdfarben, Xylamon, Polimente, franz. Mixtion, Blatt-Echtgold, Marmorgries.

6. Schlußbemerkungen:

Gemäß o. g. Zielsetzung haben wir unsere Restaurierungsarbeiten nach den anerkannten Regeln durchgeführt. Desweiteren waren wir stets bemüht, durch unser Engagement der Funktion und Bedeutung des Objektes nachzukommen und u.a. auch vermitteln: Adressen mehrerer Holzschindelhersteller bis Italien, kostenlose, histor. Juraplatten, die Fa. Keim und eine eigengefertigte Glasampel für ein permanentes Öllicht.

Restaurator Kellhammer

Kellberg, im März 1998


•  Restaurierungs-Atellier für: Gemälde, Wandmalerei, Skulptur und Beratung
•  Bernhard u. Lidwina Kellhammer
•  D-94136 Thyrnau/Kellberg, unteres Bergfeld 10 Tel. 08501/939800 Fax: 08501/1239